Meine geliebte Freundin!

Ich und mein Herz legen uns in Ihre Hände und bitten, uns Eurer Huld zu empfehlen und Eure Zuneigung für uns durch Trennung nicht kühler werden zu lassen. Denn es wäre allzu grausam, die Pein zu vermehren, die das Fernsein allein schon verursacht, und heftiger, als ich es je hätte ahnen können. Dies bringt mir einen Satz aus der Astronomie in Erinnerung, welcher lautet: „Je ferner die Mohren von uns sind, desto ferner ist auch die Sonne, doch darum nur noch sengender“; so ist es auch mit unserer Liebe – zwar sind wir ferne voneinander, doch bewahrt sie all ihre Glut, wenigstens auf meiner Seite. Ich erhoffe ein Gleiches von Euch und versichere Euch, die Beschwerlichkeit der Trennung ist für mich schon gar zu qualvoll geworden; und denke ich daran, wie lange ich sie unumgänglich noch werde erdulden müssen, so wollte sie mich unerträglich dünken, hätte ich nicht feste Hoffnung auf die Unwandelbarkeit der Herzensneigung, die Ihr für mich hegt. Um mich nun zuweilen in Euer Gedenken zurückzurufen, und da ich einsehe, dass ich jetzt nicht selbst bei Euch sein kann, so sende ich Euch etwas, was mir am nächsten kommt, nämlich mein Bild, in einem Armreif gefasst, mit der ganze Devise, die Ihr bereits kennt – ich möchte mich selbst an seinem Platz wünschen, wolltet Ihr es mir gestatten: So nehmt dieses denn von der Hand Eures treuen Dieners und Freundes.

König Heinrich VIII. von England an Anna Boleyn | ca. 1530

Meine geliebte Freundin
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