Mein Herzens lieber Ernst, mein Väterchen, wie ist mein Herz so voll für Dich, und doch kann ich Dir eigentlich nichts sagen, was Du nicht alles schon wüßtest. Magst Du es denn wohl öfter wieder hören, wie ich Dich unsäglich lieb habe, wie ich so unendlich glücklich bin? Könnte ich es Dir nur einmal recht aussprechen, wie die tiefste Verehrung, die innigste Dankbarkeit, die kindlichste Liebe nun zu einem Gefühl verschmolzen sind, das nun voll und klar und rein in mir lebt – die Sehnsucht ganz für Dich zu leben – ein so ungemäßigter Wunsch, Dich glücklich zu sehn, daß ich mit Freude mich aufopfern könnte, wenn Dich das glücklich machen würde. O Gott, mir ist oft, als könne ich es kaum tragen, daß ich es bin, der Du Dein Leben, Deine heilige Liebe weihen willst – wann ich Deine Liebe recht empfand – o Ernst, ich wie es nicht anders zu nennen, als es war Anbetung, was ich dann fühlte. Wie danke ich Dir noch, Du Teurer, für die schöne zarte Wiese, mit der Du Dich mir genähert, wodurch Du mir so sehr wohl getan hast und mehr diese sichere Liebe in mir geweckt, als es geschehn sein würde, hättest Du schon damals volle Liebe mir gezeigt und abgefordert, als ich noch nicht so rein die Vereinigung des Vergangenen mit dem neuen Glücke gefunden.

Sage es mir, mein geliebter Vater, ist Dir das auch lieb an mir, daß ich mich so ganz hingebe dem Gefühl des Glücklichseins und der Freude? Wenn ich an unsern teuern Ehrenfried denke und ein leises Weh mir durch die Seele zieht, kann mir die Frage kommen, ob ich wohl anders in mir tragen sollte die neue Gnade Gottes, die mir durch Dich wiederfährt, ob es auch wohl recht und schön ist, daß ich so jugendlich frisch wieder ins Leben trete, und mein Herz der Freude wieder ganz geöffnet ist, da doch noch vor Kurzem um unvergänglichen Schmerz ich betete, der die Witwe durchs Leben geleiten möchte. Oh ich dar es Dir nicht erst sagen, wie Ehrenfried im Grunde meiner Seele wohnt, wie mir jede Erinnerung von ihm so heilig ist – Du weißt es. Doch jetzt bin ich so ganz glücklich durch Dich – Gott, wie ich es nur immer sein kann…

Ach, ich danke Dir mit dem wärmsten Dank meines Herzens, daß Du meinen Kindern willst Vater sein. Du hast mit einem Mal alle Sorge um sie nun von mir genommen, ich kann mich ganz rein nur ihrer freuen, der teure Nachlaß meines Ehrenfried! Sophie, die auch immer mehr zur ruhigen Ansicht kommt, gestand mir heute, daß sie nur die eine Sorge habe, daß die Kinder in dem weltlichen Berlin doch würden wenigstens sehr städtisch werden, so sehr ich vom Gegenteil überzeugt bin, das Städtische im nachteiligen Sinn genommen, so konnte ich sie doch nicht darüber beruhigen, ich denke Sophie, die so sehr ans Land gewöhnt ist, legt zu viel Wert auf das, was sie Einfachheit nennt, was aber eigentlich mehr Einförmigkeit ist, sie hätte z.B. die große Jette lieber, wenn diese nicht so viel Weltbildung besäße. Und da hat sie doch gewiß Unrecht.

Wie ich mich freue auf Deinen ersten Brief, das kann ich Dir nicht beschreiben, auch von der Kanonirstraße etwas zu hören, bin ich recht begierig – mein lieber lieber Ernst, ach hast Du mich denn auch noch so lieb, als da Du hier warst – da Du mich dein süßes Herz nanntest? Ich zweifle nie mehr einen Augenblick an Deiner Liebe, eher kann ich denken, wird er denn auch, was das heiligste und teuerste ihm ist, mit Dir teilen mögen? auch darin sollst Du immer nur ganz Deiner Neigung folgen, aber unendlich erfreuen wirst Du mich durch Jedes, das Du mit mir teilen wirst. Doch kannst Du auch gewiß sein, daß ich Dich nie im mindesten, auch nicht durch die leiseste Empfindung in mir, beschränken werde in dem, was Du Deinen Freunden oder Freundinnen sein und mit ihnen teilen willst. Ich kenne eine recht gute Frau, die ihren Mann außerordentlich lieb hab, die es aber nicht ertragen kann, wenn er mit andern Frauen auswechselt über Dinge, die sie nicht versteht und daher nicht Teil daran nehmen kann. Das wird auch mein Schicksal gewiß öfter sein, das Nichtverstehen wird mir immer nahe gen, aber nicht der kleinste Unmut soll in mir entstehn, und ich will recht geduldig warten, bis Du zu Deiner kleinen einfältigen Frau zurückkehrst.

Mein Herzens lieber lieber Ernst, lebe wohl – sage mir auch bald ein herzlich Wort, und auch ja sage, wenn Dir was in mir nicht liebe ist, sei es noch so klein, ich bitte Dich so sehr. Von meinem Jettchen Gruß und Kuß, und von mir die innigsten Liebkosungen meinem Väterchen, meinem teuren Ernst. Grüße Nanny recht von Herzen, und ich denke viel an sie mit schwesterlicher Liebe und Zuversicht. Die gute Nanny

Lebe wohl!

Deine Jette!

 

 

Du liebe herrliche Seele, möge Dir recht wohl sein – bete Du auch für mich, daß Gott mein Herz segne und es reich mache an Liebe und Frömmigkeit, an allen Gaben ohne welche ich Dich nicht glücklich machen kann.

Henriette Schleiermache an Friedrich Ernst Daniel | 5. August 1808

Mein Herzens lieber
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