Bester Freund! es wäre vergeblich, die Empfindungen schildern zu wollen, die ich empfand, als ich Potsdam und Berlin wiedersah. Das Volk in Berlin, welches glaube, ich sei gefangen, begleitete meinen Wagen, und sammelte sich zu Tausenden am Palais unter meinen Fenstern, und schrieen nach mir. Nein, solch ein Volk gibt es nicht mehr, 12000 Bürger wollen sich bewaffnen und 1500 von den Vornehmsten außer den 12000 sind ebenfalls bereit, Dir zu folgen und für Dich zu fechten, wo Du willst. Die Nachricht der unglücklichen Bataille, statt sie niederzuschlagen, hat sie nur noch mehr erbittert gegen den Feind und ihre Anhänglichkeit, Ergebenheit für Dich, für ihren König und Vaterland noch vermehrt. Es ist unbeschreiblich, wie sie Dich lieben, alle Aufopferung bereit zu bringen, ihr Blut und Gut; Kinder und Väter, alles steht auf, Dich zu schützen! Benutze die Gelegenheit ja, es kann was Großes herauskommen. Nur um Gotteswillen keinen schändlichen Frieden! Der Augenblick ist kostbar, handle, wirke, schaffe, überall wirst Du im Lande guten Willen und Unterstützung finden. Ebenso ist die Stimmung hier in Stettin. Willst Du mich haben, sprich, ich fliege zu Dir! Gott, Du allein, das ist ein schrecklicher Gedanke… Die Kinder sind alle wohl, sie fragen alle nach Dir. Ich küsse Dich tausendmal in Gedanken und bin ewig

Deine treue Luise

Königin Luise an Friedrich Wilhelm III. | Stettin, 20. Oktober 1806

Bester Freund
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